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Der Heringszaun in Kappeln

Heringe fangen mit Stil

Der Ursprung des Kappelner Heringszauns geht bereits auf das 15. Jahrhundert zurück. Damals gab es noch fast 40 dieser Flechtzäune, die dicht an dicht mitten in der Schlei zu finden waren. Zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert herrschte ein bitterer Konkurrenzkampf zwischen den Holmer Fischern aus Schleswig und anderen Fischern aus der Region, den sog. „Schleijunkern“, die Gutsherren in der Schleiregion waren. Erst 1614 konnte dieser Streit beigelegt werden und ein Gleichgewicht zwischen beiden Fischereiparteien hergestellt werden.

Heute besteht der Heringszaun aus insgesamt 2.000 in den Schleigrund gerammten Pfählen aus Eschenholz mit einer Länge zwischen 1,80 Meter und 4,50 Meter. Diese werden von waagerecht gesetzten Eschenholz-Pfählen oder eingeflochtenem Weidengeflecht unterstützt. Dieses Gesamtkonstrukt wird von den Heringen als natürliches Hindernis betrachtet. Aufgrund der starken Strömung in der Schlei kehren die Silberlinge trotz des Hindernisses selten um und folgen dem immer enger zulaufenden Heringszaun bis zur Spitze, wo sie in Netzen landen und abgefischt werden. 

Der aktuelle Heringszaun hat von oben die Form des Buchstaben „W“. Der Zaun ist sowohl in Deutschland, als auch in Europa der letzte seiner Art. Rund um den Heringszaun veranstaltet die Stadt Kappeln jährlich am Himmelfahrtswochenende die Heringstage.

Der Heringszaun in Kappeln früher vs. heute

© Stadtarchiv Kappeln

Fischfang früher

Lebenswichtiger Erwerb, der Heringszaun sicherte Nahrung und Einkommen für ganze Familien. In guten Fangzeiten konnten sehr große Mengen Hering gefangen werden, die sowohl zur eigenen Versorgung als auch zum Verkauf genutzt wurden.

© Ostseefjord Schlei GmbH/Henrik Matzen  

Fischfang heute

Kein kommerzieller Fang mehr, sondern denkmalgeschütztes Kulturerbe und Anschauungsobjekt. In der Schlei wird heute deutlich weniger Fisch gefangen als früher. Gefangen werden vor allem Arten wie Hering, Aal, Zander, Hecht und Barsch, überwiegend durch Berufsfischer in kleinerem Umfang sowie durch Angler.

© Einar Maschmann

Handarbeit und Technik früher

Reine Handarbeit, Holzpfähle mit Muskelkraft gerammt, Reparaturen bei Wind und Wetter.

© Ostseefjord Schlei GmbH/Sinnlicht Fotografie

Handarbeit und Technik heute

Erhalt durch Fachleute mit modernen Werkzeugen, aber nach historischen Vorbildern.

© Stadtarchiv Kappeln

Geräuschkulisse früher

Rufen der Fischer, Klatschen der Netze, Arbeit ab Sonnenaufgang

Geräuschkulisse heute

Möwen, Fotospot, Stadtführungen – Ruhe statt Hektik, Geschichte zum Anfassen

Der Heringszaun im Lauf der Zeit

Fischer mit Netz auf der Schlei gemalt Heringszaun
© Ostseefjord Schlei GmbH/KI-generiert mit Copilot

Fischerei war früher ein einträgliches Geschäft. Fischereivorrechte wurden vom König direkt und nur an bestimmte Personen oder Institutionen vergeben. Die Stadt Schleswig und ihre Fischer erhielten aufgrund ihrer Dienste für die Krone das „Privileg der freien Fischerei“ schon mit dem Stadtrecht 1280.

Früher war der Wasserspiegel der Schlei niedriger als heute. Daher fischten die Holmer Fischer aus Schleswig mit der Technik der „Wadenfischerei“ (Fischerei per Netz aus dem Boot), wofür sie gern die ganze Schlei nutzten und sich auf die o.g. Rechte beriefen. Daher setzte sich die Stadt Schleswig dafür ein, dass nicht so viele Heringszäune errichtet wurden, um die Fänge der Wadenfischer stabil zu halten.

Heringszäune waren sperrig und gehörten meist der Kirche oder den adligen Gutsbesitzern auf beiden Seiten der Schlei (sog. Schleijunker). Die Wadenfischer und die Betreiber der Heringszäune standen also in einem ständigen Konflikt um die Fischplätze. Die Fischer waren der Meinung, die Heringszäune fischten ihnen zu viele Heringe weg, während die Schleijunker ihren Fischfang durch die Wadenfischer gestört sahen.

Das Manövrieren zwischen den Zäunen hindurch erschwerte den Zugang mit Schiffen durch die Schlei maßgeblich.

Schleifischer wird Netz gestohlen KI-gemalt
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Die Konflikte um den Heringsfang eskalierten immer wieder, da die Schleijunker immer mehr und größere Heringszäune anlegten, um den Holmer Fischern die Beute streitig zu machen. Den Fischern wurden die Netze gestohlen und sie wurden beim Fischen vertrieben. Der Streit artete in blutige Fehden aus.

Tausch Heringszaun gegen Ländereien KI-gemalt
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Der holsteinische Ritter und Gottorper Amtmann Otto Splyd erwarb als erste Person Heringszäune (vorher konnte man diese nur erben oder vom König bekommen). Er kaufte dem Schleswiger Bischof Nikolas die Zäune bei Ellenberg (den heutigen Kappelner Heringszaun) und Gasselby ab.

Heringszaun überforderter König KI-gemalt
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Es gab einen königlichen Schlichtungsversuch, dieser brachte aber nur eine kurze Entspannung der Situation.

König Christian beim opulenten festmahl KI-gemalt
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Aufgrund der anhaltenden Konflikte sah König Christian III. sich das Problem vor Ort an. Er entzog dem Adel auf beiden Seiten der Schlei (Angeln, Schwansen) aufgrund dessen Fehlverhaltens das Recht an den Heringszäunen und befahl deren Abriss, um den Streit ein für alle Mal zu beenden. Bei einem opulenten Mittagsmahl ließ er sich jedoch vom Schleijunker Wulff Pogwisch, dem Gutsherrn von Buckhagen, überreden, den Abrissbefehl rückgängig zu machen. In den folgenden Jahrzehnten bleibt die Nutzung jedoch umstritten.

Schleijunker erhalten Fischereiprivilegien zurück KI-gemalt
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Der Adel erhält das Privileg an den Heringszäunen zurück. Damit wird deutlich, wie umkämpft und wertvoll der Heringsfang in der Region weiterhin ist.

Die Schleijunker legten neue Zäune an und behinderten die Holmer Fischer, indem sie Netze beschlagnahmten. Nach anhaltenden Konflikten wurde in Kappeln ein Kompromiss geschlossen. Er regelte die Nutzung der Heringszäune und die Fangrechte, wodurch eine gleiche Nutzung der Schlei durch beide Seiten ermöglicht wurde.

Der königliche Mathematiker Johannes Mejer vermaß die Heringszäune und zeichnete sie auf. Die „Maßnahme und Maßgabe“ schuf ein geltendes Gesetz zur erlaubten Größe der Heringszäune. Sie sollte dafür sorgen, dass man zukünftig weiß, wie groß die Zäune wirklich sind und ob diese die Fischerei und vor Allem das Fahrwasser behindern. Das zeigte die wachsende Bedeutung der Schifffahrt (und der Schiffgrößen) neben der Fischerei. Die erlaubten Maße waren: 40 Faden in der Länge (≈70 m; ein Faden entspricht ca. 1,75 m).

Mit rund 38 Anlagen erreichte diese Fangmethode ihren Höhepunkt und prägte die Wirtschaft an der Schlei. Die Fangmethode scheint einfach und vielversprechend zu sein. Ab dem 18. Jahrhundert ging die Zahl der Heringszäune allmählich zurück. Ursache dafür waren neue Fangmethoden wie Großreusen, Bundgarne und die Netzfischerei sowie die Verlagerung der Fanggebiete in die Ostsee, die größere und seetüchtige Boote erforderte, welche wiederum schlecht durch die Heringszäune navigieren konnten.

Es sind nur noch 19 Heringszäune vorhanden. Für die Gutsherren waren die Heringszäune nicht mehr sehr rentabel, kosteten aber viel Unterhalt. Daher zogen sie es langsam in Betracht, die Heringszäune zu verpachten. So hätten sie eine stete Einnahmequelle, aber keine Instandhaltungskosten. Auch der Fischfang mit Netzen lässt nach. Ursachen für den Rückgang sind nicht nur neue Fangmethoden sondern auch Überfischung und die hohen Instandhaltungskosten der Zäune. Die Holmer Fischer versuchen aus wirtschaftlichen Gründen, sich in Innungen zusammenzuschließen. Durch den Ausbau der Straßen und den zunehmenden Schiffsverkehr verlor der Hering als Nahrungsmittel an Bedeutung. Andere Fische konnten günstiger gefangen und schneller geliefert werden.

Heringszaun 1900 Nordhafen
© Stadtarchiv Kappeln

Die Heringszäune wurden zunehmend als Hindernis für die Schifffahrt wahrgenommen. Der preußische Staat kaufte die letzten Zäune auf und riss sie Stück für Stück in den kommenden Jahrzehnten ab, um der Schifffahrt den Zugang zur Schlei zu vereinfachen. Nur der Ellenberger Zaun in Kappeln wurde durch Zufall nicht verkauft und blieb in Überresten bestehen. Verhandlungen über einen Abbruch blieben ohne Ergebnis. 1867 wurde neben dem Zaun außerdem eine Pontonbrücke (eine schwimmende Brücke) gebaut. Die Brücke war 180 Meter lang und stand auf insgesamt 18 Kähnen, die das Öffnen der Brücke am tiefsten Teil der Schlei ermöglichten. Die Eckernförder Kreisbahnen konnten über diese Brücke die Schlei queren. Der Zaun war der Brücke im Weg und beschädigte diese bei Strömungen und Starkwind.

Der Buckhagener Zaun wurde als vorletzter beseitigt.

Heringszaun 1925 Pontonbrücke vor dem Bau der Drehbrücke
© Stadtarchiv Kappeln

Die Verhandlungen wurden erneut aufgenommen, da der Heringszaun die Brücke behinderte. Die Schleswiger und Arnisser Fischer lehnten den Bau der Kappelner Drehbrücke, die die anfällige Pontonbrücke ersetzen sollte, ab, weil sie befürchteten, dass der Hering durch die Verengung der Schlei sowie die Geräusche auf der Brücke gestört würde. Da die Kosten für den Abbruch zu hoch waren, blieb der Zaun stehen. Er war dem natürlichen Verfall ausgesetzt und verwahrloste zunehmend.

Heringszaun 1955 zerstört
© Stadtarchiv Kappeln

Der Kappelner Heringszaun wurde durch Frost und Sturmflut zerstört und muss aufgebaut werden.

Heringszaun 1955 Luftaufnahme
© Stadtarchiv Kappeln

Fritz Rehbehn aus Kappeln unternahm Versuche, den Heringszaun als traditionelle Fangmethode zu erhalten, indem er die Anlage mit neueren Materialen aus Eschenpfählen und biegsamem Buschholz wiedererrichtete.

Heringszaun 1976 Sommer teilweise zerstört
© Stadtarchiv Kappeln

Der Heringszaun war bis 1977 an die Kappelner Familie Grieve verpachtet. Diese übte den Fischfang nebenbei aus und erhielt Unterstützung von der herzoglichen Verwaltung, um den Zaun nutzen und instandhalten zu können. Nun endete das Pachtverhältnis und Herzog Peter zu Schleswig-Holstein verzichtete auf seine Eigentumsrechte zugunsten der Stadt Kappeln. Diese kaufte den Heringszaun; er ging in öffentliche Hand über und wird fortan als kulturelles Denkmal gesichert. Aufgrund von Schäden der neu in die Schlei eingewanderten und invasiven Bohrmuschel, die das Holz der Anlage mit der Zeit zersetzte, begann die Restaurierung des Heringszauns. Seither wurde er vom Kappelner Bauhof bewirtschaftet. Eine rein kosmetische Restaurierung war aufgrund des schlechten Zustandes nicht mehr möglich, daher musste er erneuert werden. Am 12.08.1978 wurde mit einer Feier die Renovierung des Zauns gefeiert. So entstand die Idee, seitdem jedes Jahr zum Himmelfahrtswochenende die sogenannten Kappelner Heringstage zu feiern. Der Erlös der dort stattfindenden Heringswette kommt dem Erhalt des Zauns zugute.

Heringszaun 2021 Instandsetzung mit Kran
© Einar Maschmann

Der erneuerte Heringszaun wird weiterhin restauriert und nach historischem Vorbild aus Eukalyptusholzpfählen und Weidengeflecht erhalten. Eukalyptusholz wird nun verwendet, da die Bohrmuschel dieses Material nicht zersetzt. Die Fischerei in der Schlei unterliegt heute gesetzlichen Regelungen, Schonzeiten und Naturschutzbestimmungen zum Schutz der Bestände.

Der Kappelner Verschönerungsverein kümmert sich um die Pflege und den Erhalt des Zaunes. Er bedarf jährlich ausgedehnter Ausbesserungsarbeiten. Das Flechtwerk muss heruntergetreten, die Pfähle nach dem Eisgang im Winter neu ausgerichtet, morsche Pfähle ausgetauscht sowie neues Strauchwerk eingeflochten werden. Der Heringsfang am Zaun wird heute weiterhin als Kulturpflege betrieben. Mittlerweile ist der Kappelner Heringszaun nicht nur der letzte in der Schlei, sondern auch der letzte Heringszaun in Europa.

 

Im Rahmen der Stadtführung „Kappeln Maritim“ wird er gemeinsam mit der St. Nikolai Kirsche und der Kappelner Klappbrücke thematisiert.

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